Kinder mit Autismus in der Kita: Wenn sie übersehen werden – und warum das schwerwiegende Folgen hat

Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) haben besondere Bedürfnisse – und besondere Stärken. Doch viele von ihnen werden im Kita-Alltag nicht erkannt oder missverstanden. Der Grund: Pädagogische Fachkräfte sind oft nicht ausreichend geschult, um subtile Anzeichen für Autismus wahrzunehmen oder einzuordnen. Das führt dazu, dass betroffene Kinder nicht angemessen begleitet oder gefördert werden – mit weitreichenden Folgen für ihre Entwicklung, ihr Selbstwertgefühl und ihre Teilhabe.

Autismus-Spektrum-Störungen: Ein kurzer Überblick

Autismus ist keine Krankheit, sondern eine neurodiverse Form des Seins. Menschen mit Autismus nehmen ihre Umwelt anders wahr, verarbeiten Reize auf besondere Weise und haben meist eine andere Art der Kommunikation, des sozialen Miteinanders und der Selbstregulation.

Das Spektrum ist breit – vom sogenannten "frühkindlichen Autismus" bis zum Asperger-Syndrom (heute unter dem Begriff ASS zusammengefasst). Viele autistische Kinder sind sprachlich fit, intelligent und äußerlich unauffällig – was eine Erkennung zusätzlich erschwert.

Warum Kinder mit Autismus in Kitas oft nicht erkannt werden

Viele autistische Kinder fallen nicht durch auffälliges Verhalten auf. Im Gegenteil: Sie sind ruhig, zurückhaltend, sehr angepasst – oder zeigen herausforderndes Verhalten, das fälschlich als "unerzogen", "aggressiv" oder "entwicklungsverzögert" gewertet wird. Gründe für das Übersehen:

-Keine oder veraltete Ausbildung zum Thema Autismus
-Fokus auf äußere Verhaltensauffälligkeit, nicht auf innere Prozesse
-Stigmatisierung neurodiverser Verhaltensweisen
-Mangelnde Zusammenarbeit mit Fachstellen, Frühförderung, Diagnostik
-Zeitmangel, hohe Gruppengrößen und fehlende Differenzierung im Alltag

Mangelndes Wissen bei Fachkräften: Ursachen und Auswirkungen

Viele Erzieher*innen berichten, dass sie unsicher im Umgang mit autistischen Kindern sind. Oft fehlen:

-konkretes Wissen zu Anzeichen und Differenzialdiagnostik
-Kenntnisse über Sensorische Überempfindlichkeiten
-Ideen zur Förderung sozialer Kommunikation
-Methoden zur stressfreien Strukturierung des Alltags
-Verständnis für Reizüberflutung, Rückzugsbedürfnisse und Routinen

Ohne dieses Wissen wird Verhalten oft fehlgedeutet – z. B. als Trotz, Desinteresse oder Unkonzentriertheit.

Die unsichtbaren Kinder – typische Anzeichen, die übersehen werden

Einige autistische Kinder in Kitas:

-ziehen sich zurück, spielen lieber allein
-reagieren empfindlich auf Geräusche, Berührungen oder Licht
-zeigen starre Interessen oder Rituale
-sprechen wenig oder anders (z. B. Wiederholungen, Monologe)
-nehmen soziale Hinweise nicht intuitiv wahr
-
geraten bei Veränderungen in Panik
-wirken unauffällig angepasst, unterdrücken aber ihre Bedürfnisse

Gerade Kinder, die ihre Besonderheiten „maskieren“, bleiben oft jahrelang unerkannt und unverstanden.

Folgen fehlender Förderung für autistische Kinder

Wird ein Kind mit Autismus nicht erkannt oder richtig begleitet, kann das schwerwiegende Konsequenzen haben:

-Chronische Überforderung durch Reizüberflutung
-Isolation von anderen Kindern und sozialen Gruppen
-Selbstwertprobleme („Ich bin falsch“)
-Internalisierende Störungen (z. B. Angst, Depression)
-Verpasste Förderchancen im sozialen, emotionalen und kommunikativen Bereich
-Vermeidung von Bildungssituationen, Schulängste oder Schulabbrüche später

Frühe und angemessene Unterstützung kann diese Risiken deutlich senken.

Was pädagogische Fachkräfte wissen und können sollten

Eine diskriminierungssensible, entwicklungsorientierte Kita braucht Fachkräfte, die:

-über Basiswissen zu Autismus verfügen
-Auffälligkeiten früh erkennen und dokumentieren
-Frühförderstellen, Diagnostik und Eltern einbeziehen
-
den Alltag reizarm, strukturiert und klar gestalten können
-Kinder nicht „normalisieren“, sondern individuell begleiten
-Interessen des Kindes aufgreifen und als Ressource nutzen
-Sprache, soziale Interaktion und Selbstregulation gezielt fördern

Wichtig ist auch: Feinfühligkeit, Geduld und Offenheit – nicht Perfektion.

Fazit: Früh erkennen heißt Chancen sichern

Kinder mit Autismus brauchen keine Mitleidspädagogik – sondern echte Anerkennung ihrer Besonderheiten. Sie brauchen Fachkräfte, die hinschauen, zuhören und verstehen wollen. Wer Autismus erkennt, kann Barrieren abbauen und Bildung inklusiv gestalten. Und wer Kinder mit Autismus übersieht, verwehrt ihnen das, was alle Kinder verdienen: Teilhabe, Verständnis und Entwicklungschancen.

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