Kita professionell leiten mit Themenzentrierter Interaktion (TZI) – Ein Ansatz für mehr Miteinander und Verantwortung
Agon GashiTeilen
Kita professionell leiten mit Themenzentrierter Interaktion (TZI) – Ein Ansatz für mehr Miteinander und Verantwortung
Kita-Leitung ist heute weit mehr als Verwaltung und Organisation. Sie erfordert pädagogische Haltung, Beziehungsgestaltung und die Fähigkeit, alle Beteiligten einzubeziehen. Die Themenzentrierte Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn bietet hierfür einen wertvollen Rahmen – praxisnah, menschenzentriert und wirksam.
Als Kindheitspädagoge und Familienbildner habe ich TZI als eines der kraftvollsten Werkzeuge für Leitungskräfte kennengelernt. In diesem Artikel zeige ich dir, wie du TZI in deiner Kita-Leitung konkret anwenden kannst.
Was ist Themenzentrierte Interaktion (TZI)?
Die TZI wurde in den 1960er Jahren von der Psychoanalytikerin Ruth Cohn entwickelt. Sie ist ein pädagogisch-therapeutisches Konzept, das Lernen, Arbeiten und Leiten als ganzheitlichen Prozess versteht.
Die drei Grundprinzipien der TZI
1. Autonomie und Verantwortung
"Sei dein eigener Chairman" – Jeder Mensch ist verantwortlich für sich selbst und seine Entscheidungen. In der Leitung bedeutet das: Mitarbeitende sind nicht nur Ausführende, sondern eigenverantwortliche Gestalter.
2. Respekt und Wertschätzung
Jeder Mensch hat Würde und verdient Respekt – unabhängig von Position oder Meinung. Das schafft eine Kultur des Vertrauens.
3. Partizipation und Mitbestimmung
Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, Prozesse transparent gestaltet. Das stärkt Identifikation und Engagement.
Das TZI-Dreieck: Die vier Faktoren im Gleichgewicht
Das Herzstück der TZI ist das Vier-Faktoren-Modell, dargestellt als Dreieck mit einem umgebenden Kreis:
1. ICH – Die Person
Jede/r Beteiligte mit ihren/seinen Bedürfnissen, Gefühlen, Erfahrungen und Grenzen.
In der Kita-Leitung:
- Wie geht es mir als Leitung?
- Was brauche ich, um gut zu führen?
- Wie geht es den Teammitgliedern?
- Welche persönlichen Themen bringen sie mit?
2. WIR – Die Gruppe
Die Beziehungen, Dynamiken und Interaktionen im Team.
In der Kita-Leitung:
- Wie ist die Stimmung im Team?
- Gibt es Konflikte oder Spannungen?
- Wie kommunizieren wir miteinander?
- Fühlen sich alle gehört und gesehen?
3. ES – Das Thema/Die Aufgabe
Der Inhalt, um den es geht – Projekte, Konzepte, Herausforderungen.
In der Kita-Leitung:
- Was ist unser Ziel?
- Welche Aufgaben stehen an?
- Welches Konzept entwickeln wir?
- Welche pädagogischen Fragen klären wir?
4. GLOBE – Das Umfeld
Der Kontext, in dem alles stattfindet – Rahmenbedingungen, Träger, Gesellschaft, Zeitgeist.
In der Kita-Leitung:
- Welche gesetzlichen Vorgaben gibt es?
- Wie ist die Personalsituation?
- Welche Erwartungen hat der Träger?
- Welche gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflussen uns?
Die dynamische Balance: Der Schlüssel zu guter Leitung
Gute Leitung bedeutet, alle vier Faktoren im Blick zu haben und auszubalancieren. Wenn einer vernachlässigt wird, gerät das System aus dem Gleichgewicht:
- Zu viel ICH: Einzelne dominieren, andere fühlen sich übergangen
- Zu viel WIR: Harmoniebedürfnis verhindert notwendige Konflikte
- Zu viel ES: Aufgaben werden abgearbeitet, Menschen bleiben auf der Strecke
- Zu wenig GLOBE: Realitätsferne Planung, Rahmenbedingungen werden ignoriert
Beispiel aus der Praxis:
In einer Teamsitzung zur Konzeptentwicklung (ES) merkst du als Leitung, dass eine Kollegin sehr still ist (ICH). Du sprichst sie direkt an: "Ich merke, du bist heute sehr ruhig. Magst du deine Gedanken teilen?" Gleichzeitig achtest du darauf, dass die Diskussion nicht zu hitzig wird (WIR) und erinnerst daran, dass die neue Konzeption bis Ende des Monats beim Träger sein muss (GLOBE).
TZI-Hilfsregeln für die Leitungspraxis
Ruth Cohn formulierte Hilfsregeln, die Kommunikation und Zusammenarbeit strukturieren:
1. "Sei dein eigener Chairman"
Bedeutung: Übernimm Verantwortung für dich selbst. Entscheide, wann du sprichst, wann du schweigst, was du brauchst.
In der Leitung:
- Ermutige Teammitglieder, ihre Bedürfnisse zu äußern
- Schaffe Raum für Selbstverantwortung statt Kontrolle
- Modelliere selbst diese Haltung: "Ich brauche jetzt eine Pause"
2. "Störungen haben Vorrang"
Bedeutung: Wenn etwas stört (Gefühle, Konflikte, Unbehagen), muss es angesprochen werden – sonst blockiert es alles andere.
In der Leitung:
- Schaffe eine Kultur, in der Störungen benannt werden dürfen
- Unterbrich Tagesordnungen, wenn Spannungen spürbar sind
- Frage: "Ich spüre eine Spannung im Raum. Wollen wir das klären?"
3. "Sprich per Ich und nicht per Wir oder Man"
Bedeutung: Übernimm Verantwortung für deine Aussagen. "Ich finde..." statt "Man sollte..."
In der Leitung:
- Sei Vorbild: "Ich sehe das so..." statt "Alle denken..."
- Ermutige Ich-Botschaften im Team
- Vermeide Verallgemeinerungen
4. "Beachte Signale aus deinem Körper"
Bedeutung: Körperliche Reaktionen (Anspannung, Müdigkeit, Unruhe) sind wichtige Informationen.
In der Leitung:
- Achte auf deine eigenen Körpersignale
- Erlaube Pausen, wenn Energie fehlt
- Frage: "Wie geht es euch gerade körperlich? Brauchen wir eine Pause?"
5. "Sprich deine persönliche Betroffenheit aus"
Bedeutung: Authentizität schafft Verbindung. Zeige, was dich bewegt.
In der Leitung:
- Sei verletzlich: "Das Thema beschäftigt mich sehr"
- Teile auch Unsicherheiten: "Ich weiß noch nicht, wie wir das lösen"
- Schaffe dadurch Vertrauen und Nähe
6. "Halte dich mit Interpretationen zurück"
Bedeutung: Frage nach statt zu interpretieren. "Ich nehme wahr, dass..." statt "Du bist..."
In der Leitung:
- "Ich merke, du bist heute still. Magst du erzählen, was los ist?"
- Vermeide Unterstellungen
- Bleibe neugierig statt wertend
7. "Sei zurückhaltend mit Verallgemeinerungen"
Bedeutung: "Immer", "nie", "alle" sind selten wahr und schaffen Widerstand.
In der Leitung:
- "Mir ist aufgefallen, dass..." statt "Ihr macht immer..."
- Konkrete Beispiele statt pauschale Aussagen
8. "Wenn du eine Frage stellst, sage, warum du fragst"
Bedeutung: Transparenz schafft Vertrauen. Versteckte Agenden verunsichern.
In der Leitung:
- "Ich frage, weil ich verstehen möchte, wie es dir geht"
- "Ich möchte wissen, ob wir auf dem richtigen Weg sind"
9. "Nur einer zur gleichen Zeit"
Bedeutung: Aktives Zuhören braucht Raum. Unterbrechungen verhindern echten Austausch.
In der Leitung:
- Moderiere Gespräche so, dass alle zu Wort kommen
- Unterbinde Zwischenrufe freundlich aber bestimmt
- "Lass [Name] bitte ausreden, dann bist du dran"
TZI in konkreten Leitungssituationen
Teamsitzungen leiten
Vorbereitung:
- ES klären: Was ist das Thema? Was soll erreicht werden?
- GLOBE beachten: Wie viel Zeit haben wir? Welche Rahmenbedingungen?
- ICH & WIR vorbereiten: Wie ist die Teamstimmung? Gibt es Vorgespräche?
Einstieg:
- Check-in: "Wie geht es euch? Was beschäftigt euch gerade?" (ICH & WIR)
- Thema und Ziel transparent machen (ES)
- Rahmenbedingungen klären (GLOBE): Zeit, Entscheidungsbefugnis
Während der Sitzung:
- Balance halten: Nicht nur Sachthemen, auch Befindlichkeiten
- Störungen ansprechen: "Ich merke, die Energie ist weg. Was brauchen wir?"
- Alle einbeziehen: "[Name], du warst noch nicht dran. Was denkst du?"
Abschluss:
- Zusammenfassung (ES): Was wurde entschieden?
- Check-out (ICH & WIR): "Wie geht ihr aus der Sitzung?"
Konfliktklärung im Team
TZI-Ansatz:
- ICH: Beide Konfliktparteien äußern ihre Sicht in Ich-Botschaften
- WIR: Wie wirkt sich der Konflikt auf das Team aus?
- ES: Worum geht es sachlich? Was ist das eigentliche Thema?
- GLOBE: Welche äußeren Faktoren spielen eine Rolle? (Stress, Personalmangel)
Konkrete Schritte:
- Störung benennen: "Ich nehme wahr, dass es zwischen euch Spannungen gibt"
- Raum schaffen: Geschütztes Gespräch anbieten
- Beide Seiten hören: Ohne Unterbrechung, mit Ich-Botschaften
- Gemeinsame Lösung finden: "Was braucht ihr, um wieder gut zusammenzuarbeiten?"
- GLOBE einbeziehen: "Wie können wir die Rahmenbedingungen verbessern?"
Konzeptentwicklung
TZI-Perspektive:
- ES: Welches pädagogische Konzept wollen wir entwickeln?
- ICH: Was ist mir persönlich wichtig? Welche Werte vertrete ich?
- WIR: Was ist uns als Team wichtig? Wo sind wir uns einig, wo nicht?
- GLOBE: Was fordern Träger, Gesetzgeber, Eltern? Was ist realistisch?
Prozess:
- Individuelle Reflexion (ICH): Jede/r notiert persönliche Schwerpunkte
- Austausch im Team (WIR): Gemeinsamkeiten und Unterschiede
- Sachliche Klärung (ES): Was muss ein Konzept enthalten?
- Realitätscheck (GLOBE): Was ist umsetzbar?
- Gemeinsame Entscheidung: Konsens oder Kompromiss
Mitarbeitergespräche
TZI-Struktur:
- ICH (Mitarbeitende): Wie geht es dir? Was brauchst du?
- ICH (Leitung): Was nehme ich wahr? Was ist mir wichtig?
- WIR: Wie ist unsere Zusammenarbeit? Was läuft gut, was nicht?
- ES: Welche Aufgaben, Ziele, Entwicklungen stehen an?
- GLOBE: Welche Rahmenbedingungen beeinflussen die Arbeit?
Vorteile von TZI in der Kita-Leitung
Für die Leitung:
- Klare Struktur für komplexe Situationen
- Authentische, wertschätzende Führung
- Weniger Überforderung durch geteilte Verantwortung
Für das Team:
- Mehr Partizipation und Mitbestimmung
- Bessere Kommunikation und weniger Konflikte
- Höhere Arbeitszufriedenheit und Identifikation
Für die Kita:
- Stärkere Teamkultur
- Höhere Qualität der pädagogischen Arbeit
- Geringere Fluktuation
Herausforderungen und Grenzen
TZI braucht Zeit: Prozesse dauern länger als autoritäre Entscheidungen. Das ist eine Investition, die sich langfristig auszahlt.
TZI braucht Übung: Die Haltung und Methoden müssen gelernt und geübt werden. Fortbildungen sind sinnvoll.
TZI braucht Bereitschaft: Nicht alle Teammitglieder sind sofort offen für Partizipation und Eigenverantwortung. Geduld ist wichtig.
TZI ersetzt keine Hierarchie: Auch mit TZI bleibst du als Leitung verantwortlich für Entscheidungen. TZI bedeutet nicht, dass alle immer mitentscheiden.
Erste Schritte: TZI in deiner Kita einführen
1. Selbstreflexion:
- Wie ist meine aktuelle Leitungshaltung?
- Wo vernachlässige ich ICH, WIR, ES oder GLOBE?
- Was möchte ich verändern?
2. Team informieren:
- Stelle TZI vor: Grundprinzipien, Vier-Faktoren-Modell, Hilfsregeln
- Erkläre, warum du TZI einführen möchtest
- Hole Feedback ein
3. Klein anfangen:
- Beginne mit einer Hilfsregel pro Teamsitzung
- Nutze Check-ins und Check-outs
- Achte bewusst auf die Balance der vier Faktoren
4. Fortbildung:
- Besuche TZI-Seminare oder Workshops
- Lade externe TZI-Trainer ein
- Bilde dich und dein Team gemeinsam weiter
5. Reflexion und Anpassung:
- Evaluiere regelmäßig: Was funktioniert? Was nicht?
- Passe TZI an eure Kita-Realität an
- Bleibe geduldig – Kulturwandel braucht Zeit
Fazit: TZI als Haltung, nicht nur Methode
Themenzentrierte Interaktion ist mehr als eine Technik – sie ist eine Haltung. Eine Haltung, die Menschen in den Mittelpunkt stellt, Verantwortung teilt und Beziehungen wertschätzt.
In der Kita-Leitung bedeutet TZI:
- Nicht nur Aufgaben managen, sondern Menschen führen
- Nicht nur Entscheidungen treffen, sondern Prozesse gestalten
- Nicht nur Probleme lösen, sondern Potenziale entfalten
Als Kindheitspädagoge und Familienbildner kann ich sagen: TZI verändert Leitungskultur nachhaltig. Sie macht Leitung menschlicher, partizipativer und wirksamer – zum Wohl aller Beteiligten.
Bei Eltern.plus findest du weitere Ressourcen für professionelle Kita-Arbeit und Leitungskompetenz. Denn starke Leitung schafft starke Teams – und starke Teams schaffen starke Kinder.