Gewalt im Kindesalter – erkennen, verstehen, handeln
Agon GashiTeilen
Gewalt im Kindesalter – erkennen, verstehen, handeln
Triggerwarnung: Dieser Artikel behandelt das sensible Thema Gewalt gegen Kinder. Wenn du Unterstützung brauchst, findest du am Ende Hilfsangebote.
Gewalt gegen Kinder ist eine der gravierendsten Verletzungen ihrer Rechte und Würde. Sie hinterlässt nicht nur sichtbare Spuren, sondern prägt die gesamte Entwicklung eines Kindes. Als Kindheitspädagoge und Familienbildner ist es mir ein zentrales Anliegen, Eltern und Fachkräfte zu sensibilisieren: Gewalt zu erkennen und zu stoppen ist Kinderschutz in seiner wichtigsten Form.
Was ist Gewalt im Kindesalter?
Gewalt gegen Kinder umfasst alle Formen von körperlicher, seelischer, sexueller Misshandlung sowie Vernachlässigung, die das Wohl und die Entwicklung eines Kindes gefährden.
Wichtig zu verstehen: Gewalt ist nicht nur das offensichtliche Schlagen. Sie zeigt sich in vielen Formen – manche subtil, andere brutal, aber alle schädlich.
Formen von Gewalt gegen Kinder
1. Körperliche Gewalt
Jede Form von absichtlicher körperlicher Schädigung:
- Schlagen, Treten, Stoßen
- Schütteln (besonders gefährlich bei Säuglingen und Kleinkindern)
- Verbrennen, Verbrühen
- Würgen, Ersticken
- Einsperren
- Übermäßige körperliche Bestrafung
- Zwangsernährung
Folgen: Verletzungen, Schmerzen, Angst, Misstrauen, Entwicklungsstörungen, langfristige gesundheitliche Schäden
2. Emotionale/Psychische Gewalt
Wiederholte Muster von Verhalten, die das emotionale Wohlbefinden schädigen:
- Ständige Abwertung, Demütigung, Beschimpfung
- Drohungen und Einschüchterung
- Liebesentzug als Strafe
- Übermäßige Kontrolle und Einschränkung
- Isolation von Freunden und Familie
- Emotionale Erpressung
- Miterleben häuslicher Gewalt
- Instrumentalisierung in Elternkonflikten
Folgen: Geringes Selbstwertgefühl, Angststörungen, Depressionen, Bindungsstörungen, Schwierigkeiten in Beziehungen
3. Sexualisierte Gewalt
Jede sexuelle Handlung an oder vor einem Kind gegen dessen Willen oder ohne echte Einwilligung (siehe auch separater Artikel "Missbrauch bei Kindern erkennen"):
- Berührungen im Intimbereich
- Erzwungene sexuelle Handlungen
- Exhibitionismus
- Zeigen pornografischer Inhalte
- Sexualisierte Sprache
- Herstellung von Missbrauchsdarstellungen
Folgen: Traumatisierung, PTBS, Scham, Schuldgefühle, sexuelle Entwicklungsstörungen, Beziehungsprobleme
4. Vernachlässigung
Andauerndes oder wiederholtes Versagen, grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen:
Körperliche Vernachlässigung:
- Mangelnde Ernährung, Kleidung, Hygiene
- Fehlende medizinische Versorgung
- Unzureichende Aufsicht und Sicherheit
- Keine altersgerechte Schlafumgebung
Emotionale Vernachlässigung:
- Keine Zuwendung, Liebe, Aufmerksamkeit
- Ignorieren emotionaler Bedürfnisse
- Fehlende Ansprache und Interaktion
- Keine Förderung und Anregung
Bildungsvernachlässigung:
- Kein Schulbesuch oder häufiges Fehlen
- Keine Unterstützung bei Lernschwierigkeiten
- Fehlende Förderung kognitiver Entwicklung
Folgen: Entwicklungsverzögerungen, Untergewicht, Krankheiten, emotionale Störungen, Bindungsprobleme, Lerndefizite
Warnsignale: Wie erkenne ich Gewalt?
Wichtig: Einzelne Anzeichen bedeuten nicht automatisch Gewalt. Achte auf Muster, Häufungen und plötzliche Veränderungen.
Körperliche Anzeichen
- Unerklärliche Verletzungen: Blutergüsse, Verbrennungen, Knochenbrüche
- Verletzungen in verschiedenen Heilungsstadien
- Verletzungsmuster: Handabdrücke, Striemen, Bissspuren
- Häufige "Unfälle" mit wechselnden Erklärungen
- Chronisch schlechte Hygiene
- Untergewicht, Entwicklungsverzögerungen
- Unangemessene Kleidung für die Witterung
- Unbehandelte medizinische Probleme
Verhaltensänderungen
Emotionale Anzeichen:
- Plötzlicher Rückzug oder extreme Anhänglichkeit
- Angst vor bestimmten Personen oder Situationen
- Übermäßige Anpassung oder extreme Rebellion
- Regression: Einnässen, Daumenlutschen bei älteren Kindern
- Schlafstörungen, Albträume
- Essstörungen
- Depression, Hoffnungslosigkeit
- Selbstverletzendes Verhalten
Soziales Verhalten:
- Aggressivität gegenüber anderen Kindern oder Erwachsenen
- Gewalt in Spielen nachspielen
- Extreme Schreckhaftigkeit bei lauten Geräuschen oder schnellen Bewegungen
- Vermeidung von Körperkontakt oder übermäßiges Bedürfnis danach
- Isolation von Gleichaltrigen
- Vermeidung, nach Hause zu gehen
Schulisches Verhalten:
- Plötzlicher Leistungsabfall
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Häufiges Fehlen
- Müdigkeit, Erschöpfung
Aussagen und Andeutungen
- "Ich habe Angst vor [Person]"
- "[Person] tut mir weh"
- "Ich darf das nicht erzählen"
- Andeutungen in Zeichnungen oder Spielen
- Widersprüchliche Erklärungen für Verletzungen
Wie reagiere ich bei Verdacht auf Gewalt?
1. Ruhe bewahren
So schwer es fällt: Bleib ruhig. Panik oder Schock können das Kind zusätzlich belasten und es davon abhalten, sich zu öffnen.
2. Dem Kind glauben und zuhören
Wenn ein Kind sich anvertraut:
- "Ich glaube dir" – Die wichtigste Botschaft
- "Es ist nicht deine Schuld" – Entlaste das Kind von Schuldgefühlen
- "Danke, dass du mir das erzählst" – Würdige den Mut
- "Ich werde dir helfen" – Vermittle Sicherheit
- Höre aktiv zu ohne zu unterbrechen
- Keine suggestiven Fragen stellen
- Dokumentiere Datum, Zeit, wörtliche Aussagen
3. Sicherheit gewährleisten
- Schütze das Kind vor weiterem Kontakt mit der verdächtigen Person
- Sorge für eine sichere Umgebung
- Vermeide Konfrontation mit dem Täter – das kann gefährlich sein
4. Professionelle Hilfe einschalten
Bei akuter Gefahr:
- Polizei: 110 (bei unmittelbarer Gefahr)
- Jugendamt: Meldung bei Kindeswohlgefährdung (auch anonym möglich)
- Kinderschutzambulanz: Medizinische Untersuchung und Dokumentation
Beratung und Unterstützung:
- Nummer gegen Kummer (Kinder): 116 111
- Nummer gegen Kummer (Eltern): 0800 111 0 550
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016
- Kinderschutzbund: Lokale Beratungsstellen
- Erziehungsberatungsstellen
5. Keine Alleingänge
Versuche nicht, selbst zu ermitteln oder den Täter zu konfrontieren. Das kann:
- Beweise vernichten
- Das Kind weiter gefährden
- Rechtliche Konsequenzen haben
- Die Situation eskalieren lassen
Prävention: Kinder stark machen gegen Gewalt
Selbstbewusstsein stärken
- "Dein Körper gehört dir" – Körperautonomie vermitteln
- Nein-Sagen lernen – Auch gegenüber Erwachsenen
- Gefühle ernst nehmen – "Wenn sich etwas falsch anfühlt, ist es falsch"
- Grenzen respektieren – Kein Zwang zu Umarmungen oder Küssen
Offene Kommunikation
- Schaffe eine Atmosphäre, in der Kinder alles erzählen können
- Höre zu ohne zu urteilen
- Nimm Sorgen und Ängste ernst
- Sprich altersgerecht über schwierige Themen
- Frage regelmäßig: "Wie geht es dir? Gibt es etwas, das dich beschäftigt?"
Vertrauensnetzwerk aufbauen
- Kinder sollten mehrere Vertrauenspersonen haben
- Ermutige Freundschaften
- Kenne die Umgebung deines Kindes (Schule, Vereine, Freunde)
- Pflege Kontakt zu anderen Eltern
Gewaltfreie Erziehung vorleben
- Keine körperliche Bestrafung – Sie ist nicht nur schädlich, sondern auch verboten (§ 1631 BGB)
- Respektvolle Kommunikation – Auch in Konflikten
- Emotionsregulation vorleben – Zeige, wie man mit Wut umgeht
- Fehler zugeben – "Es tut mir leid, ich hätte nicht schreien sollen"
Aufklärung über Rechte
- Kinder haben Rechte (UN-Kinderrechtskonvention)
- Recht auf gewaltfreie Erziehung
- Recht auf Schutz und Fürsorge
- Recht auf Privatsphäre
- Recht, Nein zu sagen
Für Fachkräfte: Professioneller Umgang
Rechtliche Grundlagen
§ 8a SGB VIII – Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung:
- Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe haben eine Meldepflicht
- Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung muss das Jugendamt informiert werden
- Insoweit erfahrene Fachkraft hinzuziehen
§ 1631 BGB – Recht auf gewaltfreie Erziehung:
- "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig."
Handlungsschritte für Fachkräfte
1. Beobachtung dokumentieren:
- Datum, Uhrzeit, konkrete Beobachtungen
- Wörtliche Aussagen des Kindes
- Fotos von Verletzungen (mit Einwilligung)
- Objektiv und sachlich formulieren
2. Kollegiale Beratung:
- Austausch im Team (unter Wahrung der Vertraulichkeit)
- Vier-Augen-Prinzip
- Gemeinsame Einschätzung der Situation
3. Insoweit erfahrene Fachkraft (InsoFa) hinzuziehen:
- Spezialisierte Kinderschutzfachkraft
- Anonyme Fallberatung möglich
- Hilft bei Risikoeinschätzung
4. Elterngespräch (wenn keine Gefährdung durch Eltern):
- Beobachtungen sachlich mitteilen
- Gemeinsam Lösungen suchen
- Unterstützungsangebote machen
5. Jugendamt informieren:
- Bei begründetem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung
- Schriftliche Meldung mit Dokumentation
- Kooperation mit dem Jugendamt
Selbstfürsorge für Fachkräfte
Die Arbeit mit gewaltbetroffenen Kindern ist emotional sehr belastend:
- Supervision nutzen
- Austausch im Team
- Eigene Grenzen kennen
- Professionelle Distanz wahren (ohne Empathie zu verlieren)
- Selbstfürsorge praktizieren
Langzeitfolgen von Gewalt
Gewalt in der Kindheit kann schwerwiegende, langfristige Folgen haben:
Körperliche Folgen:
- Chronische Schmerzen
- Entwicklungsverzögerungen
- Erhöhtes Risiko für Krankheiten
- Neurologische Schäden (besonders bei Schütteltrauma)
Psychische Folgen:
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
- Depressionen und Angststörungen
- Bindungsstörungen
- Geringes Selbstwertgefühl
- Selbstverletzendes Verhalten
- Suchtprobleme
Soziale Folgen:
- Schwierigkeiten in Beziehungen
- Probleme mit Vertrauen
- Erhöhtes Risiko, selbst Täter oder erneut Opfer zu werden
- Schulische und berufliche Schwierigkeiten
Aber: Heilung ist möglich! Mit professioneller Unterstützung können Betroffene:
- Traumata verarbeiten
- Selbstwert wiederaufbauen
- Gesunde Beziehungen führen
- Ein erfülltes Leben leben
Fazit: Hinschauen ist Kinderschutz
Gewalt gegen Kinder zu erkennen und zu stoppen erfordert Mut und Aufmerksamkeit. Aber Schweigen schützt Täter, nicht Kinder.
Wichtigste Botschaften:
- Nimm Warnsignale ernst
- Glaube Kindern, wenn sie sich anvertrauen
- Hole professionelle Hilfe – du musst das nicht allein bewältigen
- Prävention beginnt mit gewaltfreier, respektvoller Erziehung
- Jedes Kind hat ein Recht auf Schutz und Sicherheit
Bei Eltern.plus findest du weitere Ressourcen für den Schutz und die Begleitung von Kindern. Denn jedes Kind verdient ein Leben ohne Gewalt.
Hilfe und Unterstützung
Wenn du Hilfe brauchst oder jemanden kennst, der Hilfe braucht:
- Nummer gegen Kummer (Kinder & Jugendliche): 116 111
- Nummer gegen Kummer (Eltern): 0800 111 0 550
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016
- Polizei Notruf: 110
- Kinderschutzbund: www.kinderschutzbund.de
- Jugendamt: Über deine Stadt/Gemeinde erreichbar
Du bist nicht allein. Es gibt Hilfe.